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Sep 03 2008

Das deutsch-russische Verhältnis unter Reichskanzler Otto von Bismarck

Abgelegt 18:36 unter 1789 - 1914/17

Quelle: Wikipedia

Der Berliner Kongress 1878: Bismarck neutrale Vermittlerrolle verärgert die russische Führung - Quelle: Wikipedia

Das deutsch-russische Verhältnis erlebte seit den Ereignissen im Kaukasus (August 2008) einen spürbaren Dämpfer. Auch vor 150 Jahren waren die Beziehungen Deutschlands zu seinem östlichen Nachbarn nicht frei von Spannungen.

Anfang der 1850er Jahren stand Russland einer mächtigen Koalition aus Franzosen, Engländer und Osmanen gegenüber. Auf der russischen Krim-Halbinsel stoppte das Bündnis das weitere Vordringen des Zarenreiches Richtung Konstantinopel. Im Krimkrieg (1853-1856) blieb Preußen neutral und konnte trotz seiner Neutralität ein gutes Verhältnis zum östlichen Nachbarn wahren. 1863 gestattete Bismarck russischen Truppen, polnische Aufständische auch auf preußischen Boden zu verfolgen. Als Dank verhielt sich Russland während der deutschen Einigungskriege (Deutsch-Dänischer Krieg 1864, Deutscher Krieg 1866, Deutsch-Französischer Krieg 1870/71) wohlwollend neutral. Nun, da die nationale Einigung vollendet war, beanspruchte das Russische Reich seinerseits eine Gegenleistung für sein Entgegenkommen der früheren Jahren: Die deutsche Unterstützung bei der Meerengenfrage.

Russland verfolgte seit Jahrzehnten zwei außenpolitische Ziele: Einerseits expandierte das Reich der Romanows in die Weiten des asiatischen Kontinents. Anderseits bemühte sich Russland um die Öffnung der Meerengen – der freien Durchfahrt vom Schwarzen Meer ins Mittelmeer. Dieses Ziel scheiterte das letzte Mal an der russischen Niederlage im Krimkrieg. Seit dem befand sich Russland in der politischen Isolation. Mit dem Deutschen Reich als Partner an der Seite hoffte der Zar Alexander II. die Meerengenfrage zu Gunsten Russlands zu lösen. Doch Bismarck strebte nicht danach, sich den russischen Zielen unterzuordnen. Vielmehr bemühte er sich darum, die Freundschaft des östlichen Nachbarn auf der Grundlage eines Bündnisses Deutschland-Österreich-Russland zu gewinnen.

Im Abkommen von 1873, dem so genannten „Drei-Kaiser-Abkommen”, erklärten Russland, Österreich und Deutschland ihre Bereitschaft, den Status quo und somit den Frieden in Europa zu erhalten. Bismarck erreichte sein Ziel: Das in der Mitte Europas gelegene Deutsche Kaiserreich könnte in einen Krieg der Großmächte schnell hineingeraten. Nur der Frieden konnte Bismarcks Lebenswerk, den deutschen Nationalstaat, garantieren. Bismarcks zweite außenpolitisch Maxime berührte Frankreich: Der westliche Erzrivale durfte kein Bündnis mit einer anderen europäischen Macht schließen. Besonders nicht mit Russland.

1875 war Mitteleuropa erneut ein Krisenherd. Dem wieder erstarkten Frankreich drohte der Eiserne Kanzler mit dem Krieg („Krieg in Sicht-Krise”). Doch die europäischen Großmächte wünschten keinen neuen Waffengang zwischen Deutschland und Frankreich, das womöglich mit einer totalen Niederlage der französischen Republik enden könnte. Der russische Außenminister Fürst Gortschakow zeigte Bismarck die Grenzen der deutschen Politik. Eine Blamage für den Reichskanzler? Zum Teil. Fürst Gortschakow verpasste Bismarck eine Lektion in europäischer Politik. Aber der Reichskanzler hatte auch einen indirekten Sieg errungen: Die europäischen Großmächte wünschte keine Änderung des Status quo – der deutsche Nationalstaat wurde endgültig als Teil des europäischen Staatensystems anerkannt.

Nach dieser Krise rückte wieder der Balkan in den Blickwinkel der Großmächte. Die slawischen Völker erhoben sich 1875 gegen die osmanische Fremdherrschaft. Russland nutzte dies um seine Machtstellung auf dem Balkan auszubauen. Seinen glanzvollen Sieg über das Osmanische Reich 1877/78 honorierte es mit dem Friedensvertrag von San Stefano: Das Zarenreich begründete seine Hegemonie im östlichen Mittelmeer. Das rief aber die anderen Großmächte auf den Plan. Österreich-Ungarn war verärgert über die bosnische Autonomie und die Entstehung Großbulgariens. Großbritannien sah seine eigene Stellung im Mittelmeerraum bedroht.

Bismarck vermittelte. Auf dem Berliner Kongress (13. Juni – 13. Juli 1878) bestätigten die Großmächte den Status quo auf dem Balkan. Der europäische Friede war gerettet. Bismarck, „der ehrliche Makler”, hatte sich als großer Staatsmann ausgezeichnet. Doch Russland war mit den Ergebnissen unzufrieden. Der Kongress beschnitt drastisch die russischen Machtansprüche auf der Balkaninsel. Der Zar fühlte sich von Deutschland um seinen Siegen gebracht. Die Beziehungen zwischen den zwei Kaiserreichen verschlechterten sich.

Bismarck ging in die Offensive. Deutschland schloss ein Bündnis mit Österreich-Ungarn (Zweibund vom 7. Oktober 1879), dem Rivalen des Zarenreichs auf dem Balkan. Isoliert, beschließt St. Peterburg, sich Berlin wieder anzunähern. Am 18. Juni 1881 – dem Tag der Schlacht von Waterloo – schlossen die drei Kaiserreiche das „Drei-Kaiser-Bündnis”. Bismarck hielt die Russen von einer Annäherung an Frankreich ab und sicherte den Frieden zwischen Österreich und Russland.

Doch in den späten 80ern wechselte Bismarck seine Einstellung gegenüber Russland. Der Reichskanzler begann einen Wirtschaftskrieg (u.a. Lombardverbot auf russische Wertpapiere) zu führen. Wohl um St. Petersburg die Abhängigkeit vom wirtschaftlich prosperierenden Deutschland zu verdeutlichen. Doch diese Taktik ging nicht auf. Die Franzosen knüpften über die Wirtschaft die ersten Beziehungen zu den Kapital hungrigen Russen.

Trotzdem blieb das Zarenreich dem Deutschen Reich noch nahe. Der Zar war gegen ein Bündnis mit dem Rivalen Österreich, aber einem Vertrag mit Berlin war er positiv aufgeschlossen. 1887 – nach der Nichterneuerung des Drei-Kaiser-Vertrages – kam zwischen Deutschland und Russland der Rückversicherungsvertrag zustande. Im Falle eines französischen bzw. österreichischen Angriffs würde Russland bzw. Deutschland neutral bleiben. Gleichzeitig versicherte Bismarck den Russen die deutsche Unterstützung in der Meerengenfrage.

Doch der Kanzler spielte ein doppeltes Spiel. Im gleichen Jahr schlossen sich Großbritannien, Österreich und Italien – auf Anraten Bismarcks – zur Mittelmeerentente. Sie garantierte den Status quo im Mittelmeer und richtete sich so gegen Frankreich und Russland. Hätte Russland die Initiative ergriffen, die der Rückversicherungsvertrag bot, wäre es in Konstantinopel auf die Mittelmeerentente getroffen. Das hätte einen großen Krieg, wenn nicht einen Weltkrieg ausgelöst. Bismarck hätte jetzt freie Hand ,ohne eine Zweifrontkrieg zu riskieren, gegen Frankreich vorzugehen. Mit einer totalen Niederlage Frankreichs wäre der „Alptraum der Koalitionen” endgültig ausgeträumt. Aber dieser Plan ging nicht auf. So bemühte sich Bismarck, Russland weiterhin an Deutschland zu binden.

Den „guten Draht nach St. Petersburg” wollte Bismarck auch 1890 – nach Ablauf des Rückversicherungsvertrages – weiter erhalten. Aber die Tage des Kanzlers waren gezählt. Wilhelm II und seine Berater sprachen sich gegen eine Erneuerung des Rückversicherungsvertrages aus – und schlugen einen neuen Kurs in der deutschen Außenpolitik ein.

Literaturtipps

Das Standardwerk zur deutschen Außenpolitik: Klaus Hildenbrand, Das vergangene ReichDeutsche Außenpolitik von Bismarck zu Hitler 1871-1945, Stuttgart 1995.

Präzise und gut strukturierte Darstellung auf Grundlage der marxistisch-lenninistischer Geschichtswissenschaft: Sigrid Wegner-Korfes, Otto von Bismarck und Russland. Des Reichskanzlers Russlandpolitik und sein realpolitisches Erbe in der Interpretation bürgerlicher Politiker (1918-1945)Berlin 1990.

Der Historiker Lothar Gall analysiert vortrefflich Bismarcks Denken und Handeln: Lothar Gall, Bismarck, Der weisse Revolutionär, Neuausgabe Berlin 1997.

Bismarcks sehr persönliche Sicht auf sein politisches Wirken: Otto von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, Sonderausgabe München 2007.

Das Handbuch bietet einen guten Überblick über die Außenpolitik der führenden Staaten und die außenpolitischen Konstellationen des 19. Jahrhunderts: Heinz Duchhardt u.a. (Hg.) Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen, Bd.6, Europäisches Konzert und nationale Bewegung (1830-1878): Bd. 6, 2. Auflage, Paderborn 1999.


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