Sep 24 2008
Der Deutsche Krieg von 1866
„Die ganze historische Entwicklung der deutschen Verhältnisse, die feindselige Haltung Österreichs treibe uns dem Krieg entgegen. Es würde ein Fehler sein, ihm jetzt aus dem Wege zu gehen.“ Mit dem Verweis auf den jahrhundertelangen Dualismus und Österreichs Kriegsbereitschaft rechtfertigte Ministerpräsident Otto von Bismarck gegenüber Wilhelm I. von Preußen den Krieg, der in ein paar Monaten nicht nur die „deutsche Frage“ im Sinne der „kleindeutschen“ Lösung, sondern auch die innenpolitischen Schwierigkeiten in Preußen lösen sollte: Der Deutsche Krieg von 1866 etablierte das aufstrebende und wirtschaftsstarke Reich der Hohenzollern als Führungsmacht Deutschlands und dieser imposante Sieg ließ die liberalen Abgeordneten die Streitigkeiten mit der Regierung Bismarck vergessen.
Unmittelbarer Anlass des Krieges war jedoch nicht die Frage der Hegemonie, sondern die Zukunft von Schleswig und Holstein, welche zwei Jahre zuvor (1864) die Preußen und Österreicher in einer gemeinsamen Allianz dem dänischen König entrissen hatten. Wien war mit der Zwischenlösung – der Teilung des Verwaltungsbereiches im Vertrag von Gastein (1865) – nicht zufrieden. Berlin wollte die Gründung eines neuen deutschen Staates im Norden nicht zulassen und stattdessen die Elbherzogtümer sich aneignen. Das wiederum wäre ein erheblicher Machtzuwachs für Preußen gewesen, was die österreichische Führungsspitze mit einer Niederlage gleichsetzte. Seit dem Jahreswechsel 1865/66 bestimmten die „Falken“ in Wien den politischen Kurs. Der Krieg sollte das Problem mit dem Emporkömmling im Norden lösen und die finanzielle Lage des Habsburgerreiches verbessern. Bismarck nahm die Herausforderung an, obwohl die allgemeine Stimmung in Preußen gegen einen Krieg mit der deutschen Führungsmacht war.
„Die Kriegs-Unlust durchdrang beinahe alle Schichten des Volks, war etwas Allgemeines, nur die Motive waren verschieden“, beschrieb der Zeitzeuge Fontane das innenpolitische Klima. Die Erz-Konservativen, deren Grundsatz „Österreich – Preußen Hand in Hand, Deutschland sonst aus Rand und Band” lautete, sahen in diesem Konflikt das endgültige Ende der „Heiligen Allianz”, die die radikalen Ideen und Bewegungen in die Schranken wies. Auch den Liberalen schmeckte der militärische Konflikt nicht, den ein autoritärer Ministerpräsident zur Lösung innenpolitischer Probleme heraufbeschwor. Zahlreiche Städte Preußens verschickten Friedensadressen an den König. Selbst an der Berliner Börse verloren die preußischen Aktien an Wert. An einen preußischen Sieg glaubte kaum jemand. Als trauriger Höhepunkt der Antikriegsstimmung und des Hasses auf den Ministerpräsidenten gilt das Attentat auf Bismarck am 7. Mai 1866, verübt durch den Studenten Ferdinand Cohen-Blind, den die liberalen und die süddeutschen Blätter als Volkshelden feierten.
Doch Bismarck, der sich weder von einer Pistolenkugel noch von der „öffentlichen Meinung“ aufhalten ließ, spielte geschickt alle diplomatischen Karten aus. Die am 8. April geschlossene Militärallianz zwischen Preußen und Italien würde dem habsburgischen Vielvölkerreich einen Zweifrontenkrieg aufzwingen. Russland und Frankreich erklärten ihre Neutralität, wobei der französische Kaiser Napoleon III. auf einen langen Krieg spekulierte, um seine expansionistischen Gelüste in Richtung Rhein zu befriedigen. Um gleichzeitig das österreichische Kaiserreich zu provozieren, aber auch um die (klein-)deutsche Nationalbewegung für Preußen zu gewinnen, schlug der preußische Abgesandte in Frankfurt die Reform des Deutschen Bundes auf der Grundlage von freien, gleichen und geheimen Wahlen vor – ein Affront gegen das Gottesgnadentum des österreichischen Kaisers. Nachdem im Mai die Idee eines internationalen Kongresses zur Lösung der deutschen (und italienischen) Probleme am Widerstand Wiens gescheitert war, spitzte sich im Juni die Kriegsgefahr zu.
Als am 1. Juni das Habsburgerreich die Schleswig-Holstein-Frage auf die Tagesordnung im Bundestag setzte, brach es den Vertrag von Gastein. Österreich war auf Kriegskurs. Kurz danach marschierten preußische Truppen im österreichisch verwalteten Holstein ein. Österreich beantragte beim Frankfurter Bundestag eine militärische Strafaktion gegen Preußen, der die Mehrheit der deutschen Staaten zustimmte. Berlin erklärte daraufhin den Bund für aufgelöst. Seit dem 15. Juni 1866 herrschte zwischen Preußen und seinen norddeutschen Verbündeten und Österreich, an dessen Seite die deutschen Königreiche Hannover, Sachsen, Württemberg, Bayern sowie u.a. das Kurfürstentum Hessen-Darmstadt standen, Krieg. Obwohl das Habsburgerreich über eine erfahrene Armee und zahlreiche deutsche Verbündete verfügte, gewann Preußen die militärische Auseinandersetzung.
In der „größte[n] Schlacht des 19. Jahrhunderts“ – es standen sich knapp eine halbe Million Soldaten gegenüber – erlebte Österreich bei Königgrätz (Böhmen) eine entscheidende Niederlage (3. Juli 1866). An den vorhergehenden Tagen hatten die Preußen die Verbündeten Österreichs in Norddeutschland besiegt, die Hannoveraner und Sachsen. Dank der ausgezeichneten diplomatischen Vorarbeit Bismarcks, der Schlagkraft der preußischen Armee und eines Funken Glücks gewannen die Preußen den Krieg. Nachdem Ende Juli der Waffenstillstand und der Vorfriede ausgehandelt worden waren, endete mit dem Frieden von Prag (23. August 1866) der letzte Krieg unter den deutschen Staaten. Durch die Annexion von Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen und Frankfurt am Main beherrschte Preußen den norddeutschen Raum. Die Klein- und Mittelstaaten Norddeutschlands vereinigten sich mit Preußen zum „Norddeutschen Bund“, in dem Berlin den Ton angab. Den Süden Deutschlands (Baden, Württemberg und Bayern) band Berlin sicherheits- und wirtschaftspolitisch an sich. Österreich verzichtete auf seine Interessensphäre in Deutschland.
Dank des überragenden Sieges gewann der verhasste Ministerpräsident Bismarck die öffentliche Meinung Preußens für sich und die Unterstützung der Parteien im preußischen Parlament. Ein großer Teil der Liberalen und Konservativen wurden zu Befürwortern seiner Politik.
Literaturtipps
Zusammenfassung der zeitgenössischen Meinung zum Ausbruch und Verlauf des Deutschen Krieges: Theodor Schieder, Das Jahr 1866 in der deutschen und europäischen Geschichte, Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“ 24 (1966).
Detaillierte Darstellung des Zeitgenossen Theodor Fontane mit Schwerpunkt auf die einzelnen Gefechte: Theodor Fontane, Der deutsche Krieg von 1866, 2 Bände, Berlin 1870, ND 1979.
Der österreichische Journalist und Historiker Heinrich Friedjung schuf eine “zeitgeschichtliche” Gesamtdarstellung des Deutschen Krieges und seiner Vorgeschichte: Heinrich Friedjung, Der Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland 1859 bis 1866, 2 Bände, Berlin 1897.
Das Ereignis von 1866 aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Wolfgang van Groote, Ursula von Gersdorff, (Hg.), Entscheidung 1866, Der Krieg zwischen Österreich und Preußen, Stuttgart 1966.
Gesamtdarstellung des renommierten US-amerikanischen Historikers und Deutschland-Experten Graig: Gordon Craig, Königgrätz. 1866 – Eine Schlacht macht Weltgeschichte, Wien 1997, Orginalausgabe The Battle of Königgrätz, Philadelphia 1964.
Die neueste Darstellung des zweiten deutschen Einigungskrieges aus der österreichischen Perspektive: Geoffrey Wawro, The Austro-Prussian War, Austria’s War with Prussia and Italy in 1866, Cambridge 1997.
Wohl die beste Bismarck-Biografie: Lothar Gall, Bismarck: Der weisse Revolutionär, Neuausgabe Berlin 1997.
Darstellung der anti-klerikalen Vorfälle in Schlesien während des Deutschen Krieges von 1866: Lukas Moj, Die konfessionellen Spannungen in Schlesien vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich 1866, Magisterarbeit Universität Bayreuth 2006. Beim Shaker Verlag als Online-Publikation zum Downloaden.
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