2,092 views

Okt 05 2008

Die so genannten Westpläne Alexanders des Großen

Abgelegt 23:11 unter 5000 v. Chr - 500 n. Chr

Babylon, 6. Juni 323 vor Christus. Auf dem Höhepunkt seines Lebens und seiner Macht stirbt der größte Feldherr der Geschichte: Alexander der Große. Mit Anfang 20 führte er seine makedonisch-griechisches Heer gegen die Weltmacht Persien. In der Schlacht von Issos (333 vor Chr.) und von Gaugamela (331 vor Chr.) besiegte er den persischen Großkönig Dareios III. Alexander zog in Babylon ein und ließ sich zum “König von Asien” proklamieren. Anschließend führte der Makedone seine Truppen bis an die Grenzen Indiens. Innerhalb von 10 Jahren hat Alexander das mächtige Perserreich erobert und den Griechen den Zugang zu neuen Ländern eröffnet.

Das Reich Alexanders des Großen - Quelle: Zeitreisen-Blog

Das Reich Alexanders des Großen (Quelle: Zeitreisen-Blog)

Sein unerwarteter Tod in Babylon hinterließ für die Nachwelt eine Frage: Wollte sich der junge Großkönig auf seinem Ruhm ausruhen oder hegte er Pläne, auch die Völker des westlichen Mittelmeerraumes (Libyer, Karthager, Spaniener, Galier und die italienischen Stämme) zu erobern? Schließlich erzählen die antiken Quellen nur weniges und meistens nur wages über das, was der junge Großkönig in seinem Leben noch plante.

Die antiken Autoren über den Westplan Alexanders

Diodor von Sizilien, ein griechischer Autor des ersten Jahrhunderts, berichtet, dass nach dem Tod Alexanders die makedonische Heeresversammlung über die letzten Vorhaben ihres Königs zu entscheiden hatte: “Tausend Kriegsschiffe, größer als Dreiruderer, in Phönizien, Syrien, Cicilien und Zypern zu erbauen zu dem Zuge gegen Karthager und die anderen am Meere wohnenden Völker  in Libyen und den angegrenzenden Küstenländer bis nach Sizilien; eine Strasse auf der Küste von Libyen bis zu den Säulen des Herkules führen… (Diod. 18, 4-7)”. Als Beleg für diesen Plan führt Diodor einen anderen Geschichtsschreiber auf: Hieronymus von Kardia, dessen angebliche Quellen die Hypomnemata – “Gedächtnisstützen” oder Notizen Alexanders des Großen – sein sollen.

Ein anderer antiker Autor, Curtius Rufus (1. oder 2. Jahrhundert nach Chr.) lieferte mehr Details zu dem Vorhaben Alexanders: “Er [Alexander] selbst,…, hatte beschlossen, aus Syrien nach Afrika zu gelangen, den Karthagern feindlich, von da nach Durchwandern der Einöden Numidiens den Zug nach Gadis zu lenken, dort nämlich… sind die Säulen des Herakles; danach nach Spanien zu gelangen,…, und zu erreichen und zu überqueren die Alpen und die Küste Italiens, von wo es ein kurzer Weg nach Epirus ist. Deshalb befiehlt er seinen Gouverneuren in Mesopotamien 700 Siebenruderer zu bauen… (Curt. 10,1, 16-18).”

Der römische Autor Arrian sah Alexander bereits, einen Feldzug gegen das noch junge Rom zu unternehmen: “Von hier [Karthago] aus wollte er nach den einen ins Schwarze Meer einfahren, um gegen die Skythen und zum Maiotischen See zu ziehen, anderen zufolge nach Sizilien und zum japygischen Vorgebirge, denn auch der wachsende Klang des römischen Namens habe ihm bereits keine Ruhe mehr gelassen”. (Arr. Anab. 7,1)

Die Westpläne Alexanders des Großen laut der antiken Autoren

Die Westpläne Alexanders des Großen laut der antiken Autoren (Quelle: Zeitreisen-Blog)

Die Meinungen der Altertumsforscher

Da selbst die antiken Autoren auf keine sicheren Quellen mehr zurückgreifen konnten, bot sich den modernen Althistorikern ein breiter Raum für die Auslegung dieser Aussagen.

Contra: Alexander hatte keine Westpläne

Gegen die Existenz irgendwelcher Westpläne sprachen sich die Wissenschaftler Hans-Joachim Gehrke, Konrad Kraft, Franz Hampl und William Woodthorpe Tarn aus. Ihrer Argumentation nach war Alexander nicht der Typ, der militärische Pläne schriftlich verfasste. Sie bestritten die Existenz königlicher “Gedächtnisstützen” und wiesen auf die logischen Fehler in der Überlieferung hin.

Konrad Kraft sah den Feldzug über Afrika als sehr problematisch an, da die rebellischen Griechen-Städte Athen und Syrakus eine Bedrohung für die alexandrische Flotte hätten sein können. Da Karthager, Libyer und andere westliche Völker Alexander gehuldigt haben, hätte der Makedone, so der Innsbrucker Althistoriker Hampl, keinen Grund, diese Völker zu erobern.

Als besonders hartknäckiger Verneiner des Westplanes galt der britische Forscher William W. Tarn. Seine Argumentation stützte sich auf Schwächen in der Überlieferung: Die von Diodor berichtete Heeresversammlung konnte nicht über die Westpläne entscheiden, da die Soldaten nur bei Königswahl und Hochverratsprozessen zusammenkamen. Curtius schrieb über den geplanten Bau von Siebenruderer. Diesen Schiffstyp, so Tarn, hat es zu Zeiten Alexanders nicht gegeben. Auch die Alpen haben die Griechen zu diesem Zeitpunkt noch nicht gekannt. Den Straßenbau setzten nur die Römer als strategisches (Bewegungs-)Mittel ein. Niemals die Griechen. In den Augen Tarns gab Alexander seine militärischen Vorhaben mit der Niederlage in Indien auf. Expeditionen – wie die nach Arabien – sollten die zukünftige Politik des Makedonen bestimmen.

Der britische Althistoriker sah den Ursprung der Westpläne Alexanders des Großen nicht in den königlichen Archiven, sondern bei den Griechen des 2. Jahrhunderts vor Christus: Sie hätten behauptet, schrieb der römische Autor Livius, dass Alexander Rom erobert hätte, wenn er nicht so früh gestorben wäre (Liv. 9,18,6). Das Fazit Tarns: Die Westpläne Alexanders seien nichts weiter als eine antirömische Propaganda der Griechen im 2. Jahrhundert – als die Römer in den ehemaligen Herrschaftsbereich Alexanders vorstießen.

Pro: Alexander wollte auch den Westen erobern

Als Befürworter eines Westplanes gelten die Althistoriker Eduard Meyer, Fritz Schachermeyr, Siegfried Lauffer, Hans Erich Stier, Hermann Bengston, Franz Altheim und Ernst Kornemann. Einige dieser Historiker argumentieren mit der Berufung Alexanders zum Weltherrscher: Alexander, der in die Tradition der persischen Großkönige stand, wollte die arabische Halbinsel unterwerfen. Warum sollte er auch nicht den Westen erobern?

Im Treffen der Abgesandten aus dem westlichen Mittelmeerraum sehen die Forscher ein weiteres Indiz für die Eroberungspläne Alexanders. Die Abgesandten, die dem Großkönig in Babylon huldigten, wollten herausfinden, ob Alexander die freien Völker des Westens annektieren wolle. Sie fürchteten, dass der Makedone einen Rachefeldzug für seinen getöteten Schwager Alexander I. von Epirus plane. Der König von Epirus versuchte die italienische Stämme und griechischen Kolonien in Süditalien unter seine Herschaft zu bringen. In der Schlacht bei Pandosia/ Unteritalien wurde er getötet.

Die Althistoriker Altheim und Kornemann – beide geprägt von der Sicht, Weltherrschaft ist gleich Seeherrschaft – glauben, dass nur mit der Beherrschung des Mittelmeeres Alexanders Traum von einem Weltreich verwirklicht worden wäre. Deshalb ließ Alexander in Babylon Schiffe bauen. Deshalb plante er die Eroberung Arabiens. Alexander wollte mittels Seeherrschaft die Wirtschaftskraft seines Reiches stärken und unabhängige Reiche informell seinem Reich angliedern.

Resümee

Die Frage, ob Alexander den Westen erobern wollte oder nicht, lässt sich schwer beantworten. Grund ist die schwache Quellenlage. Deshalb haben Historiker einen breiten Raum für Interpretation. In ihren Argumenten wird zum Teil der Zeitgeist überdeutlich.

Lässt sich ein weiteres Argument über den Wahrheitsgehalt der Westpläne Alexanders finden? Da die Quellen keine weiteren Details liefern, hilft vielleicht ein historischer Vergleich: Kaiser Friedrich Barbarossa führte seine Heere beharrlich gegen die rebellierenden Städte Norditaliens. Sein Motiv: Der Reichtum der Lombardei. Auch die Beweggründe Alexanders des Großen und seiner makedonischen Soldaten lagen nicht nur in ihrer Entdeckungslust. Ausschlaggebend war vor allem das Verlangen nach Beute.

Alexander führte die Makedonen und Griechen in die reichsten Länder der damals bekannten Welt: Kleinasien, Phönizien, Ägypten, Mesopotamien, Persien, Baktrien und Indien. Diesen Reichtum hatte der westliche Mittelmeerraum nicht zu bieten. Alexander der Große hätte seinen Soldaten wenig Anreiz für einen Feldzug Richtung Westen bieten können.

Literaturtipps (Powered by amazon.de)

Der Klassiker der Alexander-Biografien – bereits in vierter Auflage erschienen: Siegrfied Lauffer, Alexander der Große, 4. Auflage, München 2004.

Kleine, informative Biografie von einem großen Althistoriker: Hans-Joachim Gehrke, Alexander der Grosse (C.H. Beck Wissen), 4. durchgesehene Auflage, München 2005.

Kompakte und gut strukturierte Einführung für Studierende und Geschichtsinteressierte: Johannes Engels, Philipp II. und Alexander der Grosse (Geschichte kompakt), Darmstadt 2006.

Ein Klassiker der Altertumsforschung: Franz Hampl, Alexander der Grosse, 3. Auflage, Northeim 1992.

Eine umfassende Biografie des österreichischen Antike-Experten: Fritz Schachermeyr, Alexander der Grosse, Das Problem seiner Persönlichkeit und seines Wirkens, Wien 1973.


2 Kommentare

2 Kommentare zu “Die so genannten Westpläne Alexanders des Großen”

  1. Thereuponam 18. Mai 2010 um 18:10 1

    Zumindest Karthago als alte, wohlhabende und mächtige Handelsmetropole hätte Reichtümer in der Größenordnung von Babylon geboten, vermute ich.

  2. lmoam 28. Mai 2010 um 09:57 2

    Vielen Dank für Ihr Kommentar. Ich kann mir gut vorstellen, dass Karthago ein begehrtes Ziel gewesen sein könnte. Auch angesichts der Tatsache, dass Karthago die Schwesterstadt von Tyros war – und Tyros hat den Mekodiern bei der Belagerung ziemlich zugesetzt.

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben