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Nov 24 2008

Wirtschaftliche Bedeutung der Kontinentalsperre

Abgelegt 22:16 unter 1789 - 1914/17

Zuerst ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass die Kontinentalblockade der Ersatz für Napoleons gescheiterten Plan einer Invasion Englands war. Die Grundlage für diese Blockade bildeten auf französischer Seite das Berliner und das Mailänder Dekret, auf britischer Seite die so genannten Orders in Council. Sie bedeuteten das Aus für den Import- und Exporthandel Europas.

Der Zwangsverzicht auf die Waren aus den Kolonien bedeutete, dass Substitutionsgüter gefunden werden mussten, die sich bei der Bevölkerung allerdings keiner großen Gegenliebe erfreuten und auch nicht verhindern konnten, dass Tabak, Kaffee, Reis und Zucker teurer wurden. Die kontinentale Landwirtschaft war nicht in der Lage, die durch die Blockade entstandenen Angebotslücken zu schließen, so dass die Nachfrage der Europäer unbefriedigt blieb. Kaffee, Baumwolle und Zucker sind Erzeugnisse, deren Anbau wegen der klimatischen Bedingungen in Europa nicht möglich ist, so dass sie aus ihren Anbaugebieten aus Übersee importiert werden müssen. In der napoleonischen Zeit mussten diese Waren per Schiff aus Übersee und den überseeischen Besitzungen auf den Kontinent importiert werden. Durch die Orders in Council und die Dekrete von Berlin und Mailand war jedoch der Seehandel und damit auch der Warenfluss nach Europa mehr oder weniger zum erliegen gekommen, die „Mengen deckten höchstens ein Sechstel des Bedarfs.“ Durch Schmuggel wurde versucht, diesen Warenmangel zu begrenzen, eine vollständige Kompensierung war aber zu keinem Zeitpunkt möglich, da die Schmuggler unter anderen Voraussetzungen arbeiten mussten als die Händler. Außerdem war Napoleon versucht, den Schmuggelaktivitäten entgegen zu wirken, was die Arbeitsbedingungen der Schmuggler noch zusätzlich erschwerte.

Auswirkungen auf die kontinentale Industrie

Die Industrie profitierte von dieser Entwicklung: Die Chemie- und Eisenindustrie wurde von Napoleon mit Förderungen bedacht, daneben erlebten sowohl die Textilindustrie als auch die Baumwollindustrie eine Blütezeit. Im Großherzogtum Frankfurt begann sich die Zuckerproduktion zu entwickeln, und in Deutschland gelang es den Kohlegruben und der Metallindustrie, sich neue Absatzmärkte zu erschließen. Die Wirtschaft Italiens wurde trotz der Maßnahmen Napoleons nicht zu Grunde gerichtet: Frankreich nahm den Platz, den England zuvor inne gehabt hatte, ein und Napoleon unterstützte die Industrialisierung des Landes sogar noch, da er dem Land zwar nicht die benötigten Facharbeiter schickte, aber 200000 Francs zum Kauf von Spinnmaschinen bewilligte.

Auch die Hüttenindustrie profitierte von der Blockade und erlebte prinzipiell einen Aufschwung, auch wenn er, wie im Falle Dänemarks, nicht immer groß genug war, um an einen Export der Waren zu denken. Um den positiven Entwicklungstrend der Industrie zu fördern setzte Napoleon auf Innovationen, er „setzte Belohnungen für die Entwicklung neuer Herstellungsverfahren aus“ und „regte zu Erfindungen insbesondere auf dem Gebiet des Maschinenbaus an.“ Diese Förderung erstreckte sich auf das gesamte Einflussgebiet Napoleons: Die Pfarrerstochter Charlotte Hiller aus Nordheim hatte 1811 einen blauen Farbstoff entdeckt, der als Ersatz für Indigo, das aufgrund der Kontinentalsperre nicht mehr importiert werden durfte, dienen sollte, was mit 110 Gulden belohnt wurde, ein Tischlermeister aus Mergelstetten entwickelte im selben Jahr eine verbesserte Spinnmaschine für Schaf- und Baumwolle und erhielt als Belohnung 20 Louisdors.

Die Agrarindustrie allerdings gehörte zu den Verlierern, da ihre Absatzmärkte in England nun unerreichbar waren und ihre Konjunktur „in hohem Maße von den Erntezyklen bestimmt“ blieb. Die Schaffung eines relativ unabhängigen Marktes in Europa „war ein Werk auf lange Zeit“, die mehr Zeit benötigte als die Kontinentalblockade bestand.

Auswirkungen auf den Handel

Da die Blockade verhinderte, dass englische Produkte auf den europäischen Markt gelangten, war eine Angebotslücke entstanden, die gefüllt werden musste. Das vorübergehende Handelsverbot mit britischen und Kolonialwaren bedeutete Verluste für Händler, aber im gleichen Zug für die einheimischen Produzenten die Möglichkeit, ihre Produkte ohne britische Konkurrenz auf den Markt zu bringen. Die Substitutionsgüter wiederum waren nicht dazu geeignet, die Bedürfnisse der Konsumenten zu befriedigen. Weil die Nachfrage nach den bislang konsumierten Gütern nicht befriedigt werden konnte bestand also die Notwendigkeit, auch für das dementsprechende Angebot zu sorgen – was anfangs durch Handel mit Neutralen und später durch Schmuggel versucht wurde. In beiden Fällen war kein Erfolg zu erzielen, außerdem bedeutete die Warenverknappung zusätzlich noch eine Teuerung der Güter. Durch die Dekrete von St. Cloud und Trianon war der Handel wieder möglich, allerdings waren die Waren weiter teuer geblieben, und Napoleon konnte nicht nur durch die Vergabe von Lizenzen kontrollieren, wer mit den Gütern handelte, sondern er verdiente auch noch durch den Trianon – Zoll wesentlich mehr am Handel, als es zuvor der Fall gewesen war.

Konsumenten und diejenigen, die mit Großbritannien und den Kolonien Handel trieben, waren also die Verlierer der Blockade: Kaufkraft und Preis sind in der Gleichung KK (Kaufkraft) = P (Preis) direkt voneinander abhängig die als ein wichtiger Indikator für wirtschaftlichen Wohlstand gilt. KK und P stehen dabei in einem sensiblen Verhältnis zueinander, denn wenn P sinkt, dann steigt KK und umgekehrt. Mit dem Steigen von P durch Warenknappheit und Trianon – Zoll sank also die KK, so dass der Konsument für sein Geld weniger Ware bekam als vorher. Dieser Effekt trat durch die Kontinentalsperre auch ein: Die Währung verlor an Wert und die Konsumgüter wurden immer teurer, im Zeitraum von 1805 bis 1812 stiegen die Preise um 300%.

Warum kein Schutzzoll anstatt der Kontinentalsperre?

Zunächst ist der Schutzzoll seiner Art nach ein Zoll auf Importe, der die inländische Wirtschaft, in diesem Fall die kontinentale Wirtschaft, vor ausländischen Anbietern schützen soll. Die Folgen wären ähnlich denen der Kontinentalblockade gewesen: Ein Rückgang der Importe und die Ausschaltung der konkurrierenden Industrie auf dem europäischen Markt. Das „first of Bonaparte’s aims – to stop British exports“ wäre erreicht gewesen. Allerdings wäre für eine erfolgreiche Aufrechterhaltung des Schutzzolles Preisstabilität notwendig gewesen, die jedoch nicht gegeben war. Ein so genannter Erziehungszoll, ein temporärer Schutzzoll, schied per definitionem aus, da er nur temporär verhängt wird. Napoleons Absicht war jedoch keinesfalls nur eine zeitweilige Blockade gewesen, er war durch die veränderten Umstände gezwungen worden, seine Politik zu ändern.

Das Ende der Kontinentalblockade

Die Kontinentalblockade endete zwar erst mit der Abdankung Napoleons am 11. April 1814, faktisch wurde sie schon mit dem Trianon–Dekret vom 5. August 1810 eigentlich weitestgehend aufgehoben: Die bis dahin verbotenen Güter durften wieder importiert werden, wenn auch nur mit hohen Zöllen und von lizenzierten Händlern. Als eine positive Auswirkung lässt sich festhalten, dass die Blockade für Kontinentaleuropa den Grundstein für „une industrialisation moderne <<à l’anglaise>>“ bildete – trotz der Tatsache, dass das kontinentale Europa im Vergleich mit Großbritannien 1815, dem Jahr in dem Napoleon seine endgültige Niederlage erlitt, noch „ein industrieller Entwicklungsraum“ war.

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Literatur

J.M. Thompson, Napoleon Bonaparte, 2001.

Elisabeth Fehrenbach, Vom Ancien Regime zum Wiener Kongress (Oldenbourg Grundriss der Geschichte 12), 4. Auflage, München 2001.

Paul Sauer, Napoleons Adler über Württemberg, Baden und Hohenzollern. Südwestdeutschland in der Rheinbundzeit, Stuttgart Berlin Köln Mainz 1987.

Dieter Langewiesche, Europa zwischen Restauration und Revolution 1815 – 1848 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte 13) 3. überarbeitete und erweiterte Auflage, München 1993.

Der Autor

Robert Schmidtchen studiert an der Universität Bayreuth Geschichte und Philiosophie. Sein besonderes Interesse liegt in Wirtschaftsgeschichte und Neueste Geschichte.

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