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Dez 15 2008

Friedrich von Holstein und die deutsche Außenpolitik 1890-1906

Abgelegt 22:30 unter 1789 - 1914/17

Friedrich von Holstein in seinem Arbeitszimmer 1906 - Foto: Deutsches Bundesarchiv | Wikipedia

Friedrich von Holstein 1906 - Quelle: Deutsches Bundesarchiv | Wikipedia

Mit dem Abschied des Reichskanzlers Otto von Bismarck wurde er zur Schlüsselfigur der deutschen Außenpolitik: Friedrich von Holstein. Zwar bekleidete er “nur” das Amt eines Vortragenden Rates, aber die nachfolgenden Kanzler und Staatssekretäre des Äußeren schätzten seine Expertise. In ihren Augen war niemand aktenkundiger und keiner hatte mehr Erfahrung auf dem diplomatischen Parkett. Auch Kaiser Wilhelm II. vertraute den Einschätzungen Holsteins, der “Grauen Eminenz” im Auswärtigen Amt.  Doch der außenpolitische Kurs, den Friedrich von Holstein konzipierte, sollte sich für das Deutsche Reich nicht auszahlen. Eine Zeitreise in die Wilhelminische Epoche …

Das Ende der deutsch-russischen Verbindung: Die Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages

Die erste schwerwiegende Entscheidung, zu der Holstein geraten hatte, war die Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages. Bismarck wollte mit dem deutsch-russischen Defensivbündnis Russland von einer Annäherung ans Deutschland feindliche Frankreich abbringen. Holstein, der antirussisch gesinnt war, kritisierte das Vertragswerk. Er sah einen französisch-russischen Krieg gegen Deutschland unausweichlich kommen. Nur im Bündnis mit England könnte das Sicherheitsproblem des Reiches langfristig gelöst werden.

1890 lief das geheime deutsch-russische Verteidigungsbündnis aus. Russland bot daraufhin an, den Rückversicherungsvertrag zu verlängern.  Am 22. April informierte Holstein den neuen Kanzler Leo von Caprivi über den Inhalt des Vertrages und sprach sich gegen seine Verlängerung aus. Der Diplomat fürchtete, Deutschland würde beim Bekanntwerden des Vertrages den Zweibund-Partner Österreich brüskieren. Auch einer bündnispolitischen Verbindung mit England, so der Vortragende Rat, stünde der Rückversicherungsvertrag im Wege. Caprivi, von diesem Urteil beeinflusst, rang auch Wilhelm II., der ursprünglich für die Verlängerung war, ein Nein zum Rückversicherungsvertrag ab.

Die Nichterneuerung des Vertrages hatte schwere Konsequenzen für das Deutsche Reich: Russland, nun isoliert, orientierte sich Richtung Paris. Berlin, das eine „Politik der freien Hand“ propagierte, wurde von Österreich-Ungarn abhängig. Die von Holstein erhoffte Allianz mit Großbritannien ließ auf sich warten.

Zwischen Annäherung und Distanz – Deutschland und Großbritannien in den 1890er Jahren

Holsteins primäres außenpolitisches Ziel in den 1890er Jahren war ein deutsch-englisches Bündnis. Der Diplomat ging davon aus, dass der englisch-russische Gegensatz  in Zentralasien und im Nahen Osten die Annäherung Englands an das Reich begünstigen würde.

Der erste Schritt in Richtung der deutsch-englischen Verständigung schien im Sommer 1890 getan zu sein: Im Helgoland-Sansibar-Vertrag verzichtete Deutschland auf seine Ansprüche in Ostafrika. Dafür räumten die Briten die strategisch wichtige Insel Helgoland. Über den Umweg des kolonialen Ausgleichs hoffte Holstein auch die europäischen Fragen zu lösen. Doch vergeblich. Großbritannien blieb seiner “splendid isolation”-Devise treu: London wollte sich auf keine Bündnisse einlassen, die sein außenpolitisches Taktieren einschränken würden.

Aber auch in Berlin gab es Bedenken: Ja zu einem deutsch-englischen Bündnis! Aber zu welchem Preis? Holstein und andere Diplomaten wollten den englischen Beistand bei einem russisch-französischen Angriff auf Deutschland. Sie waren jedoch vehement dagegen, das englische Empire mit der deutschen Militärmacht zu verteidigen. Die Folge: Berlin versuchte der englischen Regierung die isolierte Position des Inselreiches klar zu machen und London auf dieser Weise eine deutsch-englische Allianz schmackhaft zu machen. So geschehen während des Japanisch-Chinesischen Krieges 1894/ 1895. Holstein schlug einen französisch-russisch-deutschen Kontinentalbund vor. Die Absicht des deutschen Diplomaten: Der Kontinentalbund sollte in erster Linie Japans Forderungen an China in die Schranken weisen, in zweiter Linie sollte England seine Isolierung vor Augen geführt werden. Aber Holsteins Plan ging nicht auf.

Zwei Jahre später instrumentalisierte der Diplomat die Buren-Frage für eine deutsch-englische Annäherung. Doch diesmal verfehlte sein außenpolitisches Druckmittel nicht nur das Ziel, sondern führte auch zu einer empfindlichen Störung des deutsch-englischen Verhältnisses: Die Krüger-Depesche. In dem Glückwunsch-Telegramm gratulierte Wilhelm II. dem Präsidenten Paul Krüger zur erfolgreichen Vertreibung eines britischen – von London nicht authorisierten – Kommandos, das in die Buren-Republik Transvaal eingefallen ist (“Jameson Raid” 1895/96). London, das das südliche Afrika als seine Interessenzone betrachtete, war erbost über Glückwünsche des Kaisers. Premierminister Salisbury sah darin eine deutsche Einmischung in englische Angelegenheiten. Die Folge: Eine Welle antideutscher Stimmung erfasste das Großbritannien.

Fiasko der deutschen Außenpolitik: Annäherung Frankreichs an England

Auch um die Jahrhundertwende, als England zahlreiche Krisen zu meistern hatte, wollte Holsteins Konzept nicht aufgehen. London wollte koloniale Differenzen begleichen und die Flottenfrage lösen, Berlin wünschte England in einer Allianz an sich zu binden. Die Gespräche zwischen beiden Staaten verliefen im Sande. Aber Holstein vertraute, dass der koloniale Gegensatz England-Frankreich und England-Russland die Annäherung Londons an Berlin eines Tages begünstigen würde. Weit gefehlt.

1904 beglichen England und Frankreich ihre kolonialen Differenzen in der Entente cordiale („Herzliches Einvernehmen“). Holstein stand vor den Scherben seiner Außenpolitik: England, der Wunschbündnispartner des Deutschen Reichs, hat sich dem revanchistischen Frankreich angenähert.

Eine gute Gelegenheit, die junge französisch-britische Verbindung zu zerschlagen, bot sich dem Diplomaten in der Marokko-Krise 1905 an. In dem noch unabhängigen Sultanat dehnten die Franzosen ihren Einfluss stetig aus. Holstein – zusammen mit Reichskanzler Bernhard von Bülow – überzeugte Wilhelm zu einer Machtdemonstration in dem nordafrikanischen Staat. Nur widerwillig ließ sich der Kaiser in den Plan Holsteins einspannen. Wilhelm II. verkündete offiziell die Unabhängigkeit Marokkos. Daraufhin sollte eine internationale Konferenz über die Zukunft des Sultanats beraten. Der Plan Holsteins:

Wenn Frankreich die Konferenz ablehnt, setzt es sich in Unrecht, zeigte es sein schlechtes Gewissen und böse Absichten. Kommt die Konferenz zustande, so wird sie, gleichviel das Ergebnis ist, keinesfalls Marokko an Frankreich ausliefern.

Marokko blieb zwar unabhängig, aber die Konferenz im spanischen Algeciras bestätigte den französischen Einfluss in dem Sultanat. Holsteins Hoffnung wurde enttäuscht: England unterstützte die Position Frankreichs, die Entente hielt zusammen.

Der Björkö-Vertrag 1905: Versuch einer deutsch-russischen Verständigung

Zu gleichen Zeit scheiterte Friedrich von Holstein auch mit seiner Russlandpolitik. Das Zarenreich war seit dem Russisch-Japanischer Krieg 1904/ 05 und der Revolution von 1905 geschwächt. Holstein nutzte die Gunst der Stunde, um seinen Fehler von 1890 – die Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages – wieder gut zu machen. Er befürwortete eine Verständigung mit Russland, das 1893/ 94 ein Verteidigungsbündnis mit Frankreich geschlossen hatte. Der Kaiser griff die Idee begeistert auf. Im finnischen Björkö unterschrieb Zar Nikolaus II. ein auf Europa begrenztes Defensivbündnis mit Deutschland. Vermutlich stammte der Vertragsentwurf von Holstein. Weil aber der Björkö-Vertrag den Vereinbarungen mit Frankreich widersprach, lehnte die russische Regierung ihn ab. Der Vertrag mit der Unterschrift des Zaren war null und nichtig.

Holstein versagte auf ganzer Linie: Seine Diplomatie hat weder die französisch-englische Entente gesprengt, noch das Zarenreich an Deutschland zurückgeführt. 1906 schied Holstein, der „Chefplaner in Berlin“ (Nipperdey), aus seinem Dienst aus. Für Kanzler von Bülow und Kaiser Wilhelm II. war er der Hauptverantwortliche für die außenpolitischen Niederlagen des Deutschen Reiches.

Resümee

16 Jahre lange bestimmte Friedrich von Holstein die deutsche Außenpolitik. Er war ein aktenkundiger Diplomat, aber das realpolitische Denken eines Bismarcks fehlte ihm.

Russland stieß er 1890 aufgrund seiner antirussischen Einstellung vor den Kopf. Holstein befürwortete die Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages und begünstigte so die Annäherung Frankreichs an Russland. Gleichzeitig hoffte er auf ein Verteidigungsbündnis mit Großbritannien. Vergeblich. Die britische Regierung wollte keine außenpolitischen Verpflichtungen eingehen.

Da das Deutsche Reich nichts angemessen zu bieten hatte, förderte Holstein mit seinen Drohgebärden (Kontinentalbund 1895, Krüger-Depesche 1897 oder Marokko-Krise 1905) die Verschlechterung der deutsch-englischen Beziehungen. Die Folge: London fand mit dem Deutschen Reich keine gemeinsame Basis. Dafür mit seinen kolonialen Gegner. Über ihren kolonialen Ausgleich kamen sich London und Paris näher.

Als Otto von Bismarck im März 1890 sein Amt niederlegte, war Frankreich isoliert, Russland stand dem Deutschen Reich nahe. Als Friedrich von Holstein im April 1906 seinen Hut nahm, war Frankreich mit Russland verbündet und Paris genoss einen gute Verbindung nach London. Keine gute Ausgangslage für das Reich im Herzen Europas.

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2 Kommentare

2 Kommentare zu “Friedrich von Holstein und die deutsche Außenpolitik 1890-1906”

  1. Heinrich Stablam 30. Juli 2009 um 07:27 1

    Ganz schön formuliert – super.

  2. [...] den Spagat zu halten. Bismarck war es gelungen. Seinem Nachfolger weniger. Der hohe Diplomat Friedrich von Holstein lehnte die Verlängerung des deutsch-russischen Rückversicherungsvertrag ab. Er hoffte auf ein [...]

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