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Jan 05 2009

Barbareninvasion und das Ende des weströmischen Reiches 375 – 476/480

Abgelegt 12:42 unter 5000 v. Chr - 500 n. Chr

Italien, 476 nach Christus. Putsch in Ravenna. Der germanische Heerführer Odoaker übernimmt die Macht. Er tötet den Heermeister Orestes und „pensioniert” Kaiser Romulus Augustulus. An den Kaiser des oströmischen Reiches schickte der neue Machthaber in Italien die Reichsinsignien zurück mit der Botschaft: Man brauche im weströmischen Reich keinen Kaiser mehr. Wie konnte es soweit kommen, dass Barbaren die römische Politik bestimmen? Und war das Jahr 476 wirklich das Ende der Antike? Ein Spurensuche im 4. und 5. Jahrhundert.

Barbareninvasion 375 – Germanen drängen in das Römische Reich

Der Balkan im Jahre 375. An der Donau, dem Grenzfluss zum Römischen Reich, erschienen ca. 200.000 Goten. Fünf Jahre zuvor hatten die Hunnen, ein nomadisches Mongolenvolk, ihr Reich in der heutigen Ukraine vernichtet. Das Angebot der Flüchtlinge an den oströmischen Kaiser Valens: Für die Ansiedlung auf römischen Boden würden sie als Gegenleistung das Römische Reich beschützen. Der Kaiser ging auf den – historischen – Deal mit den flüchtenden Germanen ein. Es kommt aber anders. Lieferengpässe führten zu einer humanitären Katastrophe in der Donauregion. Die ausgehungerten Germanen begannen die Provinzen auszuplündern. Bei Adrianopel (heute: Edirne/ Türkei) stellte sich Kaiser Valens, der nicht auf die Truppen des Westens warten wollte, den Goten (378). Die Schlacht wurde zum fatum der Römer: Die Goten vernichteten fast das gesamte oströmische Heer. Der Kaiser fiel. Die Balkanhalbinseln war den Germanen schutzlos ausgeliefert.

Der weströmische Kaiser Gratian beauftragte Theodosius (die christliche Geschichtsschreibung würdigte ihm mit dem Beinamen „der Große”), sich dem Goten-Problem anzunehmen. Da das oströmische Heer nach der militärischen Niederlage von Adrianopel noch angeschlagen war, setzte Kaiser Theodosius auf Verhandlungen. 382 gewann der Ost-Kaiser das Vertrauen der marodierenden Germanen: Die Goten dürfen autonom im Reich leben, verpflichten sich aber zum Militärdienst unter den Römern.

Theodosius’ foedus (Vertrag) mit den Germanen war ein kluger Schachzug. Ab jetzt rekrutierte sich das seit Adrianopel geschwächte oströmische Heer aus den germanischen Einwanderern. Als magister utriusque militariae (Heermeister) übernahmen die Germanen auch das Oberkommando. Aber der Vertrag hatte auch eine andere gravierende Tragweite: Er schuf die Voraussetzung für die späteren germanischen Reichsgründungen auf römischen Boden.

Das Zeitalter Stilichos 395 – 408/ 410

395 starb Theodosius. Seinem Heermeister, dem Halb-Vandalen Stilicho, vertraute er das Reich sowie seine Söhne Honorius (Kaiser im Westen) und Arcadius (Kaiser im Osten) an. Doch der Hof von Konstantinopel akzeptierte die Oberhoheit Stilichos nicht. Der Germane wurde zum Staatsfeind des oströmischen Reiches erklärt. Gleichzeitig verschärfte sich im Ost-Reich die Stimmung gegen die Germanen. Im Juli 400 eskalierte die Lage: Der germanische Heermeister Gainas wird ermordert, 7000 Germanen werden in Konstantinopel nieder gemetzelt. Die anti-germanischen Ressentiments nahm die oströmische Führung zum Anlass, auch das Heer und die Verwaltung von Germanen zu säubern.

Aber nicht nur Konstantinopel erschwerte Stilicho die Einheit des Reiches zu wahren. Seit 400 war der Heermeister, der auch die politischen Geschicke des West-Reiches bestimmte, in Gallien, Germanien und Norditalien mit der Germanen-Abwehr beschäftigt. Die Westgoten, angeführt vom König Alarich, belagerten 401 Mailand. Die Folgen: Römische Truppen wurden vom Rhein und aus Britannien abgezogen. Neue Militärzentrale wurde Ravenna (zuvor Sitz in Mailand). Die Stadt an der Adria konnte leichter verteidigt werden und bot übers Meer eine schnelle Fluchtmöglichkeit. Erst 402 konnte Stilicho mit seinen germanischen Verbänden die Westgoten vertreiben und sie als römische Foederaten in der Provinz Moesien ansiedeln.

Eine neue Invasionswelle der Hunnen 405 zwang die Stämme der Vandalen, Sueben und Alanen Richtung Westen. Stilicho konnte sich in Norditalien militärisch behaupten, aber dem weströmischen Reich gingen Gallien und Germanien verloren. Am Jahreswechsel 406/ 407 überschritten die Germanen bei Mainz den Rhein. Nachdem drei Jahre lang Gallien verwüstet worden war, drangen die Germanen 409 in Spanien ein.

408 wurde das Schicksalsjahr Stilichos. Der Westgote Alarich besetzte die Alpenpässe, um von Rom Geldzahlungen zu erpressen. Zur gleichen Zeit spitze sich in Ravenna der Konflikt zwischen Kaiser und Heermeister zu: Der oströmische Kaiser Arcadius verstarb. Sowohl Honorius als auch Stilicho beanspruchten die Vormundschaft über seinen Sohn Theodosius II. Von dem Gerücht beeinflusst, Stilicho plane den Kinderkaiser zu ermorden, ließ Honorius den Heermeister entmachten. Kurze Zeit später wurde der einst mächtige Stilicho ermordet.

Doch mit dem Tod Stilichos, der jahrelang erfolgreich die Verteidigung Italiens organisiert hatte, war die brenzlige Situation für Ravenna nicht ausgestanden. Alarich drang mit seinen Westgoten in Italien ein, weil die von Stilichio versprochenen Zahlungen nicht kamen. Kaiser Honorius war unentschlossen: Er wollte zuerst die Westgoten mit Geldzahlungen loswerden, dann wieder militärisch niederschlagen. 410 ergriff Alarich die Initiative. Der Westgote nahm Rom ein und ließ die Stadt drei Tage lang plündern. Ein Schock für die antike Welt: Die Ewige Stadt war gefallen.

Nach der Plünderung Roms versuchten die Westgoten nach Afrika auszuweichen – mit wenig Erfolg. Als ihr Königs Alarich verstarb, entschied sich der Germanenstamm nach Gallien zu ziehen. In Aquitannien (West-Frankreich) begründeten die Westgoten ein autonomes Königreich auf römischen Boden: Das tolosanisches Westgoten-Reich.

Zwischen Konsolidierung und Auflösung – Das weströmische Reich 410 – 454

Auch unter der langen Herrschaft Kaiser Valentinians III. (425-454), der zeitlebens von den Heermeistern abhängig blieb, konnten den Zerfall des Reiches nicht aufgehalten werden: Die Vandalen, zunächst Foederaten eines römischen Heermeisters in Nord-Afrika, schufen an der afrikanischen Küste ihr eigenes Königreich. Die Alanen, Sueben und ein Teil der Goten ließen sich in Spanien nieder. Die Angeln und Sachsen wanderten in Britannien ein, das seit Anfang 400 unter keinen Schutz des Reiches mehr stand.

Dem römischen Heermeister Flavius Aetius (433 – 453) gelang es, dem weströmische Reich noch einmal zur politischen Größe zu verhelfen. Die Invasion der Burgunder konnte der römische Militärchef im Bündnis mit den Hunnen stoppen (Das Schicksal der Burgunder ist der historische Kern der Niebelungen-Sage). Die verbündeten Hunnen erwiesen sich als Wolf im Schafpelz. 451 drangen sie mit anderen germanischen Stämmen in Gallien ein. Auf den Katalaunischen Feldern bei Châlons-en-Champagne gelang es Aetius zusammen mit den Westgoten, den Vorstoß der Hunnen zu stoppen (451). Wenige Jahre später zerfiel das Hunnen-Reich in Ostmitteleuropa mit den Tod ihres Königs Attila.

Die erneute Schwächung des weströmischen Reiches kam diesmal nicht von Außen, sondern von Innern. Kaiser Valentinian III. beabsichtige seine Position zu stärken und sich des mächtigen Heermeisters zu entledigen (454). Mit der heimtückischen Ermordung von Aetius, so der antike Geschichtsschreiber Prokop, schlug der Kaiser mit der Linken seine Rechte ab. Die dem Heermeister ergebenen Germanenstämme brachen mit Ravenna. Aetius’ Vertraute rächten sich an dem Kaiser.

Für die Forschung gilt das Jahr um 454 als der markanteste Einschnitt in der Geschichte des weströmischen Reiches: Die Dynastie des Theodosius erlosch – somit fehlte den nachfolgenden Kaisern die rechtliche Grundlage für ihre Herrschaft. Hinzu kam die chronische Finanzschwäche des Reiches: Westrom beherrschte nur noch Italien, Süd-Frankreich, die Alpen-Region und Dalmatien. Gleichzeitig setzte eine Flucht der ländlichen Bevölkerung in die germanischen Herrschaftsgebiete ein, da hier die Steuerbelastung geringer war.

Im gleichen Zeitraum konnte sich das oströmische Reich stabilisieren. Heer und Verwaltung wurden nicht von Germanen unterwandert, sondern blieben in römischer Hand. Der oströmische Kaiser konnte seine Autorität in politischen und kirchlichen Fragen aufrecht erhalten. Im Vergleich zu Westrom verlor Konstantinopel auch keine seiner vermögenden Provinzen: Klein-Asien, Vorder Asien und Ägypten blieben unversehrt. So konnte sich das  oströmische Reich  den Frieden mit den Germanen und Hunnen erkaufen.

Das Ende des weströmischen Reichs 455 – 476/480

In der Zeit zwischen 455 und 476 beschleunigte sich der innere Verfall des weströmischen Reiches. Die Vandalen fielen in Italien ein und plünderten Rom aus. (Aus diesem Anlass prägten die Humanisten in der Neuzeit den Begriff „Vandalismus” für mutwillige Zerstörung). Ravenna schaute tatenlos zu, als auch in den nachfolgenden Jahren Italien von den Vandalen immer wieder verheert wurde. Auch innenpolitisch konnte sich das Reich nicht stabilisieren: Die Kaiser wurden zu Spielbällen des Heermeisters Rikimer, der einen edlen westgotischen Familie entstammte.

472 verstarb Rikimer. Nach einem kurzen Intermezzo des Kaisers Glycerius und des Heermeisters Gundobad (Neffe Rikimers) entsandte Konstantinopel einen neuen Kaiser nach Ravenna: Julius Nepos, den Heermeister Dalmatiens. Zu seinem Militärchef ernannte der neue Kaiser Orestes – mit fatalen Folgen: Orestes vertrieb Julius Nepos nach Dalmatien und besetzte den Kaiserstuhl mit seinem 15-jährigen Sohn.  Als Romulus Augustulus, lat. Kaiserlein, ist der letzte weströmische Kaiser in die Geschichte eingegangen.

Doch auch Orestes’ Herrschaft sollte nicht von Dauer sein. Im August 476 zeigte sich erneut die jahrzehntelange Strukturschwäche des weströmischen Reiches: Nicht der Kaiser, sondern der Heermeister bestimmte die Geschicke des Reiches. Orestes wurde von den Germanen Odoaker ermordet. Anlass war die Weigerung des Heermeisters, Odoaker und dem weströmisch-germanischen Heer den Sold auszuzahlen. Orestes handelte wohl in Interesse der Großgrundbesitzer und der Senatoren, die gegen Abgaben – ob in Form von Steuern oder Grundbesitz ist bis heute umstritten – an die Germanen waren. Daraufhin meuterte das Heer und rief Odoaker zum rex Italiae (lat. König von Italien) aus. Nachdem er sich des Heermeisters entledigt hatte, schickte Odoaker den jungen Kaiser ins Exil. Julius Nepos, der rechtmäßige Herrscher, verstarb 480.

Ging mit der Pensionierung von Romulus Augustulus (bzw. dem Tod des Julius Nepos) die Antike unter? Besonders in der deutschen Geschichtsschreibung markierte dieses Jahr das abrupte Ende der Antike und den Übergang ins Mittelalter. Tatsächlich schlug im Jahre 476 die letzte Stunde für das schwache weströmische Kaisertum. Die Zeitgenossen merkten zuerst gar nichts. Erst ein halbes Jahrhundert später notierten die Chronisten, dass es im weströmischen Reich keinen Kaiser mehr gäbe. Auch unter König Odoaker lebte in römischen Traditionen, in lateinischen Ämterbezeichnungen, im römischen Senat und in der katholischen Kirche die Antike fort. Das Neue an der Zeit, was nun den Übergang ins Mittelalter markiert, waren die germanischen Königreiche, die sich auf dem Boden des Imperium Romanums in Italien, Gallien, Britannien, Spanien und Afrika entwickelt haben.

Literaturtipps (Powered by amazon.de)

Alltag, Kultur und Geschichte der gemanischen Stämme stehen im Mittelpunkt der neuesten Ausgabe von GEO Epoche: Geo Epoche, Die Germanen (auch mit DVD erhältlich).

Der britische Althistoriker interpretiert die Quellen neu und bezieht neueste archäologische Befunde ein. Seine radikale These: Die Hunnen haben dem Römischen Reich den Todesstoß versetzt: Peter Heather, Der Untergang des Römischen Weltreichs, Stuttgart 2007.

Nicht Transformation, sondern zivilisatorischer Rückfall markieren den Übergang  von der Antike zum Mittelalter: Bryan Ward-Perkins, Der Untergang des Römischen Reiches: Und das Ende der Zivilisation, Stuttgart 2007.

Informative Überblicksdarstellung über das Römische Reich der Spätantike: Hartwin Brandt, Das Ende der Antike: Geschichte des spätrömischen Reiches, 3. Auflage München 2007.

Das Standardwerk über die Geschichte der Spätantike: Alexander Demandt, Geschichte der Spätantike, Das Römische Reich von Diocletian bis Justinian 284-565 n. Chr, München 2008.

Auf hohem wissenschaftlichen Niveau präsentiert der österreichische Germanen-Experte Herwig Wolfram die Auseindersetzung zwischen Römern und Germanen: Herwig Wolfram, Das Reich und die Germanen, München 2000.

Das Standardwerk zur Geschichte der Goten: Herwig Wolfram, Die Goten, Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts, Entwurf einer historischen Ethnographie, 4. Auflage München 2001.

Übersichtliche und spannend erzählte Darstellung der Völkerwanderung und ihrer Folgen, die sich an ein breites Publikum richtet: Peter Arens, Sturm über Europa, Die Völkerwanderung, Das Buch zur Serie im ZDF, Berlin 2002.

Ein flüßig geschriebenes und überaus informatives Werk über die Germanen: Siegfried Fischer-Fabian, Die ersten Deutschen, Über das rätselhafte Volk der Germanen, 10. Auflage Bergisch Gladbach 2003.

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