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Feb 21 2009

Ian Kershaw: Wendepunkte – Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg 1940/41

Abgelegt 18:38 unter 1917 - 1989,Buchrezension

Mussolini und Hitler nach dem Abschluss des Münchener Abkommens 1938 - Ein Jahr später versank Europa im Krieg. Quelle: Deutsches Bundesarchiv | Wikipedia

Mussolini und Hitler vor dem Abschluss des Münchner Abkommens 1938 - Ein Jahr später versank Europa im Krieg. Quelle: Deutsches Bundesarchiv | Wikipedia

“Noch heute ist zu spüren, wie sehr der Zweite Weltkrieg das 20. Jahrhundert umgestaltet hat. Und der Verlauf dieses Krieges – des schrecklichsten der Geschichte – wurde weitgehend bestimmt durch eine Reihe schicksalhafter Entschlüße…”, so Ian Kershaws Anfangsworte in seinem jüngsten Buch “Wendepunkte – Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg 1940/41″. In 10 Kapiteln beschreibt der britische Historiker Schritt für Schritt, wie die wichtigsten Entscheidungen des Zweiten Weltkrieges gefallen sind und was die Folgen waren – Entscheidungen,  die zu Radikalisierung und Globalisierung des Krieges geführt haben.

Der Krieg eskaliert: Großbritannien gibt nicht auf – Hitler pro Überfall auf die Sowjetuinion

Mai/ Juni 1940. Großbritannien auf verlorenem Posten: Bündnispartner Frankreich ist von der Wehrmacht fast niedergerungen, das britische Expeditionskorps bei Dünkirchen der deutschen Übermacht ausgeliefert. Angesichts solch prekären Lage plädierten nicht wenige britische Minister für einen Kompromissfrieden mit Hitler. Doch was wären die Konsequenzen gewesen? Verlust der Flotte und der politischen Selbstständigkeit? Winston Churchill, der neue britische Premier, befürwortete vehement die Fortsetzung der Kampfhandlungen gegen Nazi-Deutschland: Der Krieg geht in Westeuropa weiter.

Als Großbritannien auf seinem Kriegskurs beharrte, stellte sich für Berlin die Frage: Wie kann man London am besten treffen? Die deutschen Militärs hielten eine Invasion der britischen Inseln für aussichtslos. Stattdessen sollte Großbritannien in Ägypten und dem Nahen Osten herausgefordert werden. Doch Hitler richtete sein Augenmerk wieder gen Osten: Er will endlich auf Kosten des Sowjet-Reiches den “Lebensraum” für das deutsche Volk erobern – trotz des unentschiedenen Krieges im Westen.

Vom nationalen Ehrgeiz getrieben – Italien und Japan

Keine Alternativen schienen – offenbar – Rom und Tokyo zu haben. In der Niederwerfung der westeuropäischen Staaten und der Schwächung Großbritanniens erkannten das faschistische Italien und das autokratische Japan ihre Vorteile. Der italienische Diktator Benito Mussolini sah die Zeit gekommen für seine eigenen imperialen Pläne. Seine Entscheidung, Griechenland anzugreifen, war fatal – nicht nur für den Balkan und Griechenland, sondern auch für seine eigene Machtstellung.

Seit 1937 führte das Kaiserreich Japan einen mörderischen Krieg gegen China – ohne Aussicht auf Sieg. Gleichzeitig fraß der jahrelange Kampf die Ressourcen des an Rohstoffen armen Landes auf. Die politische und militärische Führung in Tokyo entschied sich für den Vorstoß Richtung Süden: Das französische Indochina und das britische Hong Kong wurden erobert. Gleichzeitig verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Japan und den USA:  Der Krieg schien nur eine Frage der Zeit zu sein.

Kriegsherren wider Willen – Roosevelt und Stalin

Washington 1940. Franklin D. Roosevelt führte seinen dritten Wahlkampf. Sein Versprechen an die Wähler: Keine US-Beteiligung am Krieg in Europa. Doch hinter den Türen des Weißen Hauses wurde heftig diskutiert: Wie können die USA den Briten helfen, ohne selbst in das Kriegsgeschehen einzugreifen? Während ein Teil der Minister und die wichtigsten Beamte den Kriegseintritt befürworteten, vertrat Roosevelt eine andere Position: Die USA sollen England nur materiell unterstützen. Noch war das amerikanische Volk, so der US-Präsident, für einen Krieg nicht bereit.

Auch das russische Volk war in Augen von Josef Stalin nicht reif für die Auseinandersetzung mit Hitler. Doch den Kampf mit Nazi-Deutschland hielt er für unausweichlich. Die optimistische Hoffnung Stalins: Hitler gönnt der Sowjetunion bis 1943 eine Schonfrist. Bis dahin sollte das kommunistische Land militärisch aufgerüstet werden. Als sich die Meldungen mehrten, dass die deutsche Invasion bereits 1941 erfolgen würde, traf Stalin eine schwerwiegende Entscheidung: Er verschloss die Augen vor der Wahrheit – und überließ sein Volk einem grausamen Schicksal.

Hilters Angriff auf die Sowjetunion zwang wiederum Franklin D. Roosevelt zu einer neuen Reaktion: Nun sollte neben England auch die Sowjetunion mit Waffen und Kriegsgerät unterstützt werden. Das Dilemma: Deutsche U-Boote gefährdeten den Nachschub.  Daher musste der Atlantik unter amerikanische Kontrolle gebracht werden – und das ohne Kriegserklärung.  Zunehmend mehrten sich die Zusammenstöße zwischen amerikanischen Schiffen und deutschen U-Booten. Washington war sich bewusst: Früher oder später würde die Lage im Atlantik eskalieren.

Die Alliierten: Josef Stalin, Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill in Teheran 1943 Quelle: Wikipedia

Die Alliierten: Josef Stalin, Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill in Teheran 1943 - Quelle: Wikipedia

Die USA im Visier von Japan und Deutschland

Die Lage eskalierte – jedoch nicht im Atlantik, sondern im Pazifik. Die japanischen Militärs sahen in den USA den Hauptgegner eines von den Japanern dominierten Asiens. Ihr Kalkül: Nur mit einer Niederlage der USA könnte der Krieg in China beendet und die “Ostasiatische Wohlstandssphäre” etabliert werden. Dass die Aussichten auf einen Sieg trügerisch waren, wußte die japanisch Militärführung bestens. Doch für die Militärs spielten realpolitische Argumente keine Rolle. In Ehren zu verlieren, so die Ansicht der Generäle, war besser als in Schande zu leben.

Nur kurz nach dem japanischen Angriff auf den US-Flottenstützpunkt Pearl Harbor im Pazifik (7. Dezember 1941) erklärte Adolf Hitler den USA den Krieg. Die deutsche Militärführung war irritiert: Während die Wehrmacht ihre erste Krise im Russland-Feldzug erlebte, sollte es Deutschland nun mit einem neuen Feind aufnehmen – einem Feind, der aufgrund seiner materiellen und “menschlichen” Überlegenheit bereits den Ersten Weltkrieg entschieden hatte.

Das letzte Gefecht oder der Beginn eines unfassbaren Verbreches

Mit dem Kriegseintritt der USA hat der Krieg Ende 1941 globale Ausmaße angenommen: Von den Weiten Rußlands über Europa, Nordafrika und dem Atlantik bis hin zum Pazifik, China, Philippinen und Indonesien standen alliierte Soldaten den Truppen der Achsenmächte gegenüber. Den Weltenbrand nahm Adolf Hitler zum Anlass, um mit den in seinem Augen Schuldigen für den Weltkrieg abzurechnen: Den Juden. Bereits 1939 “prophezeite” er in der Reichstagsrede vom 30. Januar 1939 “die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa”, falls die Juden wieder einen Weltkrieg heraufbeschwören. Von Hass, Antisemitismus und Paranoia getrieben fasste Hitler und seine Nazi-Schergen in der zweiten Hälfte des Jahres 1941 einen tödlichen Beschluß: Die systematische Ermordung der europäischen Juden.

Fazit

Mit “Wendepunkte” schuf Ian Kershaw ein spanndenes und klar strukturiertes Buch zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Bis ins kleinste Detail zeigt der britische Historiker auf, wie die Entscheidungen gefallen sind, welche Motive hinter den Beschlüßen steckten und was die Folgen waren.

Dank der Neuintepretation bekannter Quellen und unter Zunahme neuer Erkenntnisse gelingt Kershaw eine neue Sicht auf den Verlauf des Zweiten Weltkrieges. Er läßt es sich auch nicht nehmen, einen Ausflug in die kontrafaktische Geschichtsschreibung zu unternehmen: Hätten die Entscheidungsträger auch andere Optionen gehabt? Was wären die Konsequenzen gewesen, wenn sich die Mächtigen anders entschieden hätten?

Meine Meinung: Ein hochinteressantes Buch zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Jedem, der sein Wissen über diese dunkle Epoche der Menschheitsgeschichte vertiefen möchte, kann ich Kershaws Meisterwerk wärmsten empfehlen.

Ian Kershaw, Wendepunkte – Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg 1940/41, erschienen 2008 im DVA Verlag.

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