Jul 28 2009
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges – Teil 1: Das europäische Staatensystem und der Balkan

Die deutsche Flottenrüstung, so einige Historiker, vergiftete das englisch-deutsche Verhältnis nachhaltig. Die englische Antwort auf die maritime Herausforderung des Deutschen Reiches: HMS Dreadnought. Quelle: Wikipedia
28. Juli 1914 – Österreich-Ungarn hat dem Königreich Serbien den Krieg erklärt. Am nächsten Tag begann die österreichisch-ungarische Armee mit dem Bombardement Belgrads, der Hauptstadt Serbiens. Der Anlass: Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz-Ferdinands durch serbische Nationalisten vier Wochen zuvor in Sarajewo (Bosnien-Herzegowina).
Was zunächst als ein neuer Balkankrieg gedeutet wurde, entwickelte sich zu einem Weltenbrand: Eine Woche später befanden sich Österreich und das Deutsche Reich mit der Entente Frankreich-Russland-Großbritannien im Krieg. Es folgten vier Jahre eines unvorstellbaren Gemetzels. Was waren die Ursachen für den Ersten Weltkrieg (1914-1918), für die “Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts”? Eine Spurensuche …
Die europäischen Großmächte
am Vorabend des Ersten Weltkrieges
Am Anfang des 20. Jahrhunderts veränderte sich das europäische Staatensystem gravierend. Großbritannien orientierte sich außenpolitisch um. Gleichzeitig fühlte sich Deutschland zunehmend isoliert. Der Grund: Die Triple Entente (entente frz. Einvernehmen) zwischen Frankreich, Russland und Großbritannien.
Die Entwicklung der Entente ist bemerkenswert: Ende des 19. Jahrhunderts wäre es zwischen Großbritannien und Frankreich beinah zum Krieg gekommen. In Faschoda, einem Ort im Sudan, trafen 1898 die kolonialen Truppen beider imperialistischen Mächte aufeinander. Dass sich daraus kein größer Konflikt entwickelt hat, lag an Frankreich: Paris gab nach. Das war die Voraussetzung für die Entente cordiale (1904). Mit diesem Vertrag beglichen beide Staaten ihre kolonialen Differenzen in Nordafrika und verbesserte gleichzeitig ihre außenpolitischen Beziehungen.
Auch mit Russland hatte Großbritannien keinen leichten Stand: Am Ende des 19. Jahrhunderts stieß Russland nach Tibet, Afghanistan und Persien vor – zum Verdruss der Briten, die hier ihr eigenen Interessen verfolgten. Frankreich, seit 1894 mit Russland verbündet, gelang es, beide Mächte zu versöhnen: 1907 beglichen London und St. Petersburg ihre kolonialen Differenzen in Asien.
Die Triple Entente war geboren: Die Verständigung zwischen London und Paris bzw. St. Petersburg in kolonialen Fragen sowie das Verteidigungsbündnis zwischen Frankreich und Russland. Mit dem Ersten Weltkrieg wurde aus diesem lockeren Verbund eine feste Militärallianz.
Die Zusammenarbeit Londons mit Paris (und später mit St. Petersburg) war der deutschen Führung ein Dorn im Auge. Verständlich: Berlin setzte auf die Partnerschaft der Briten, um die deutsche Verwundbarkeit auf dem europäischen Kontinent abzumildern. Mit ihrem Verteidigungsbündnis von 1894 schränkten Russland und Frankreich die außenpolitische Bewegungsfreiheit des Deutschen Reiches ein. Doch Großbritannien entzog sich den Avencen Berlins. Die steigende Wirtschaftsmacht Deutschlands und der Ausbau der Reichsflotte waren dem deutsch-britischen Beziehungen auch nicht förderlich.
In kolonialen Angelegenheiten haben beide Großmächte zu mindestens Einigkeit erreicht: 1899 wurde die Samoa-Frage friedlich gelöst. Im Frühjahr 1914 einigten sich Berlin und London auf die Aufteilung des portugiesischen Kolonialbesitzes in Afrika – ein Coup, der nicht umgesetzt werden konnte, weil sich wenige Monate später Deutschland und Großbritannien im Krieg befanden. Auch bezüglich der Bagdadbahn konnten sich beide Staaten noch im Juni 1914 verständigen. Ja, es gab die britisch-deutsche Rivalität auf den Weltmeeren und Weltmärkten. Aber hätte sie auch automatisch zu einem Krieg führen müssen?
Eine erhebliche Missstimmung herrschte zwischen Russland und Österreich-Ungarn, mit dem Deutschland verbündet war. Seit Jahrzehnten standen sich die zwei östlichen Mächte feindlich gegenüber: Auf dem Balkan prahlten ihre Interessen aufeinander. Es war eine Herausforderung für Deutschland zwischen den beiden Kontrahenten, den Spagat zu halten. Bismarck war es gelungen. Seinem Nachfolger weniger. Der hohe Diplomat Friedrich von Holstein lehnte die Verlängerung des deutsch-russischen Rückversicherungsvertrag ab. Er hoffte auf ein Bündnis mit Großbritannien.
Da sich das Verhältnis zu London nicht vertiefen ließ, versteifte sich die deutsche Führung auf die Donaumonarchie. Von der Nibelungentreue – von einem ganz besonderen Bündnis – war die Rede. Doch die enge Partnerschaft zwischen den beiden deutschen Mächten barg auch eine Gefahr: Berlin sah sich gezwungen die österreichische Balkan-Politik zu unterstützen – und so die Missgunst Russlands auf sich zu ziehen.
Der Balkan – das Pulverfass Europas
Der Balkan war seit dem 18. Jahrhundert vom langsamen Niedergang des Osmanischen Reiches geprägt. 1878 kam Bosnien-Herzegowina, eine osmanische Provinz, unter österreichische Verwaltung. 1908 ließ Wien die Region offiziell annektieren. Ein Affront gegen das Zarenreich, da die österreichische Aktion ohne Absprache mit St. Petersburg stattgefunden hat (Bosnische Annexionskrise).
Auch Serbien, dem Russland nahe stand, war verärgert: Schließlich beanspruchte es alle Südslawen zu vereinen – und diese bewohnten auch Bosnien-Herzegowina. Die Lage auf der Balkan-Halbinsel blieb in den nächsten Jahren gespannt.
Kurz vor dem Ersten Weltkrieg entflammten neue Konflikte auf dem Balkan. Montenegro, Bulgarien, Serbien und Griechenland entrissen im Ersten Balkankrieg (1912-13) dem geschwächten Osmanischen Reich weitere europäische Territorien. Bulgarien, das mit Österreich-Ungarn verbündet war, zeigte sich mit seinem Gewinn unzufrieden. Es griff seine ehemaligen Verbündeten Griechenland und Serbien an (Zweiter Balkankrieg 1913). Nach wenigen Wochen kapitulierte Sofia angesichts der Übermacht von Griechenland, Serbien, Rumänien, Montenegro und der Türkei.
Zum Ärgernis Wiens war der große Gewinner (neben Griechenland) Serbien, der Protegé des Zarenreiches. Einen weiteren Machtzuwachs des Störenfrieds Serbien wollte die Donuamonarchie nicht zulassen: Sie verhinderte auf diplomatischen Wege, dass Serbien einen Zugang zur Adria bekam. Den Serben war klar: Österreich-Ungarn ist das große Hindernis bei der Verwirklichung eines südslawischen Nationalstaates.
Das “Pulverfass Europas”, der Balkan, drohte jederzeit zu explodieren …
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