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Okt 25 2009

Polen 1918 bis 1939 – Teil 1: Wiedergeburt

Polen - 1918 bis 1939 - Karte: Wikipedia

Polen in den Grenzen von 1922 bis 1939 und internationale Kriseherde - Karte: Wikipedia (eigenständige Ergänzungen)

Polen war das Gesprächsthema des letzten Monats. Am 1. September 2009 erinnerten polnische, deutsche und russische Spitzenpolitiker auf der Westerplatte an den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Dass mit dem deutschen “Überfall auf Polen” der Weltkrieg begann, weiß jeder. Aber wie gut kennen Sie das Polen der Zwischenkriegszeit? Keine leichte Frage – schließlich bezeichnet man auch das heutige Polen als den unbekannten Nachbarn. Deshalb lade ich Sie ein auf eine spannende Zeitreise in die polnische Vergangenheit…

Finis Poloniae

Ende des 18. Jahrhunderts haben Österreich, Russland und Preußen eines der größten Staaten Europas untereinander aufgeteilt: das Königreich Polen-Litauen. Vorausgegangen war eine Dauerkrise des polnischen Staates: Im 17. Jahrhundert und Anfang des 18. Jahrhunderts verwüsteten zahlreiche Kriege das Land. Gleichzeitig wurde die Adelsrepublik unregierbar. Der polnische Adel war mehr von seinen Eigeninteressen getrieben als einen Gedanken an das Gemeinwesen zu verlieren. Das erkannten auch die Nachbarn Polens – und so wurde das Land zum Spielball der Großmächte, bis es letztendlich von der Landkarte Europas verschwand.

1807 erschuf Napoleon das Herzogtum Warschau. Der Staat von Frankreichs Gnaden diente hauptsächlich als Rekrutierungspool für die Grand Armee. Auf dem Wiener Kongress 1815 wurde Polen erneut und endgültig aufgeteilt: Westpreußen und Posen blieben bei Preußen, Galizien und Lodomerien bei Österreich. Teile Großpolens und die Masuren mit Warschau, so genanntes Kongresspolen, wurde der Kontrolle Russlands unterstellt. Nur Krakau blieb die nächsten 30 Jahre unabhängig.

Polen unter Fremdherrschaft - seit 1815

Polen unter Fremdherrschaft seit dem Wiener Kongress 1815 - Karte: Wikipedia

Der Ruf nach Freiheit und Unabhängigkeit Polens verstummte nicht. In den 1790er Jahren führte Tadeusz Kościuszko die Polen gegen die russischen Truppen an. Das Zarenreich behielt die Oberhand. Polnische Rekruten erhoben sich 1830 in Warschau erfolglos gegen die russische Fremdherrschaft. 1863/64 schlugen die Russen einen weiteren Aufstand nieder.

Dass die Polen trotz Repressalien und Assimilierungsversuchen ihre Sprache, Kultur und Identität bewahrten, war ihr größter Erfolg. Persönlichkeiten wie der Dichterfürst Adam Mickiewicz, der Pianist Fryderyk Chopin, der Historienmaler Jan Matejko oder der Schriftsteller Henryk Sienkiewicz haben sich besonders um Polens Seele und Geschichte verdient gemacht.

Polens Wiedergeburt

Am Ende des Ersten Weltkrieges wurde das Unwahrscheinliche wahr. Die Teilungsmächte gingen unter: Preußen-Deutschland kapitulierte, Österreich-Ungarn zerfiel in seine nationalen Bestandteile und das zaristische Russland versank im Chaos der roten Revolution.

Beim Kriegsausbruch 1914 war Polen noch kein Thema. Frankreich und Großbritannien wollten ihren russischen Verbündeten nicht in Verlegenheit bringen. Einen Wendepunkt brachten die Mittelmächte. Sie proklamierten am 5. November 1916 das Königreich Polen auf dem Territorium des ehemaligen Russisch-Polens.

Nun wurde auch für die Westmächte die Polen-Frage aktuell. Anfang 1917 erklärte US-Präsident Woodrow Wilson die Schaffung eines freien und unabhängigen Polens zu seinen politischen Zielen:

Ein unabhängiger polnischer Staat sollte errichtet werden, der alle Gebiete einzubegreifen hätte, die von unbestritten polnischer Bevölkerung bewohnt sind; diesem Staat sollte ein freier und sicherer Zugang zur See geöffnet werden, und seine politische sowohl wie wirtschaftliche Unabhängigkeit sollte durch internationale Übereinkommen verbürgt werden. (14-Punkte-Programm von US-Präsident Woodrow Wilson)

Im gleichen Jahr gründete der Anführer der polnischen Nationaldemokraten, Roman Dmowski, das Polnische Nationalkomitee in Lausanne. Das Komitee etablierte sich als offizielles Sprachorgan Polens, vertiefte die Zusammenarbeit mit den Westmächten und verfügte über eine gute Verbindung in das besetzte Land.

Józef Piłsudski und Roman Dmowski - Fotos: Wikipedia

Im Herbst 1918 brach die Herrschaft der Mittelmächte im Osten Europas zusammen. Der Mann der Stunde war Józef Piłsudski. 1917 überwarf sich der Anführer der Polnischen Legion mit der deutsch-österreichischen Besatzungsmacht und wurde verhaftet. Am 14. November 1918 übernahm Piłsudski kommissarisch die Regierungsgewalt in Warschau.

Eine Frage war besonders akut: Wo lagen die Grenzen des neuen polnischen Staates?

Polen im Konflikt 1919-1922

Piłsudski votierte für die jagiellonische Lösung: Ein föderales Polen in den Grenzen von 1772. Roman Dmowski befürwortete die piastische Option: Ein zentralistisches Polen, das die polnischsprachige Bevölkerung in den deutschen Ostgebieten einschließen sollte. Am Ende setzten sich beide Seiten durch – mit gravierenden Folgen für die junge Republik:

Das Ergebnis des Streites war ein Kompromiss, der Polen mit der Feindschaft zu fast allen Nachbarn belastete und im Innern zu einem Dauerkonflikt mit den nichtpolnischen Nationalitäten führte. (Manfred Alexander, Kleine Geschichte Polens, S.276)

Außenpolitisch genoss Warschau angesichts des Chaos in Ostmitteleuropa einen ungeheuren Spielraum. Zusätzlich vom Vorteil: das gute Verhältnis zu Paris. Frankreich – und England – diente Polen als Ersatz für den verlorenen russischen Verbündeten. Polen sollte einerseits Deutschland in die Schranken weisen, anderseits das Vordringen bolschewistischer Ideen nach Europa verhindern.

Anfang 1919 – wenige Tage nach der Eröffnung der Friedenskonferenz von Versailles – kompromittiere Polen ausgerechnet seine alliierten Partner. Zwischen Polen und der Tschechoslowakei brach ein Grenzkonflikt aus. Streitpunkt war Teschen. Erst ein internationaler Schiedsspruch beendete den Konflikt: Die Stadt und das Gebiet wurden entlang des Flusses Olsa geteilt. Der Kompromiss stieß weder bei den Polen noch bei den Tschechen auf Gegenliebe.

Gegenüber Deutschland ging Polen auf Konfrontationskurs. Posen ging Anfang 1919 durch einen Aufstand dem Deutschen Reich verloren. Die preußische Provinz wurde mehrheitlich von Polen bewohnt. Im südlichen Ostpreußen führten die Siegermächte eine Volksabstimmung durch, um die Frage der Zugehörigkeit zu lösen: Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung sprach sich für den Verbleib beim Deutschen Reich aus.

Danzig wurde als Kompromisslösung selbstständig. Polen genoss in der Freien Stadt Danzig gewisse Privilegien, wünschte sich jedoch die wirtschaftlich bedeutende Hafen-Metropole einzuverleiben. Westpreußen wurde laut dem Versailles Vertrag dem polnischen Staat zugesprochen. Polen bekam so seinen Zugang zur Ostsee, dagegen trennte der “polnische Korridor” Ostpreußen vom Deutschen Reich.

Besonders dramatisch war die Situation in Oberschlesien. Adalbert Korfanty, Anführer der propolnischen Kräfte, kämpfte für die Abspaltung des wirtschaftlich starken Gebietes an Polen. Warschau unterstützte den “Freiheitskampf” finanziell und personell. Auch die Siegermächte sympathisierten mit der polnischer Sache in Oberschlesien. Bürgerkriegsähnliche Zustände stürzten das Grenzgebiet ins Chaos. 1919 und 1920 zettelten die propolnischen Kräfte zwei Aufstände an.

Oberschlesische Bevölkerung wartet auf die Ergebnisse der Volksabstimmung 1921

Oberschlesische Bevölkerung wartet auf die Ergebnisse der Volksabstimmung 1921 - Foto: Wikipedia | Deutsches Bundesarchiv

Ein vom Völkerbund organisiertes Plebiszit sollte das Problem der Zugehörigkeit lösen. Am 20. März 1921 entschieden sich knapp 60 % der Oberschlesier für Deutschland, 40 % der Bevölkerung stimmte für Polen. Das für die polnische Seite enttäuschende Ergebnis führte zu einem neuen bewaffneten Konflikt: Am 3. Mai 1921 brach der Dritte Schlesische Aufstand aus. Auf dem St. Annaberg, dem bedeutendsten schlesischen Wallfahrtsort, kam es zur Entscheidungsschlacht, bei der die polnischen Aufständischen unterlagen.

Über die weitere Zukunft Oberschlesiens entschied der Völkerbund eigenmächtig. Auf der Grundlage der Abstimmungsergebnisses wurde die Region geteilt. Ost-Oberschlesien mit einer Million Menschen wurde Polen zugesprochen. Zwar war es das kleinere Gebiet, aber das wirtschaftlich am bedeutendsten: 85 % der Kohlenvorkommen und 75 % der Industrieanlagen lagen hier. (Alexander, Kleine Geschichte Polens, S.278).

Mit den Verlust von Danzig, Ost-Oberschlesien und Westpreußen konnten sich die Deutschen nicht abfinden. Sie bezeichneten die deutsch-polnische Grenze als “blutende Grenze” und Polen als “Saisonstaat” (Alexander, Kleine Geschichte Polens, S.279). Polens Beziehungen zu Deutschland blieben gespannt.

Die Grenzfindung im Osten Polens verlief ebenfalls nicht spannungsfrei. Die Siegermächte schlugen eine Grenzziehung vor, die den ethnischen Gegebenheiten dieses Raumes entsprechen sollte. Doch Piłsudski nutze das Chaos in Russland, um in die sowjetische Ukraine einzufallen (April 1920). Der Polnisch-Sowjetische Krieg brach aus. Die Rote Armee schlug die polnischen Streitkräfte zurück. Erst bei Warschau stoppten die Polen das weitere Vordringen Sowjet-Russlands (“Wunder an der Weichsel”).

Auf Druck der Westmächte schlossen beide Staaten am 18. März 1921 den Frieden von Riga. Zwar war es Piłsudski vergönnt, die einstigen Grenzen von 1772 wiederherzustellen, aber Polen annektierte einen erheblichen Anteil der weißrussischen und ukrainischen Gebiete. Die Folgen: Moskau zielte auf eine Revision seiner Westgrenze. Gleichzeitig gewann Polen mit den Ukrainern und Weißrussen weitere Minderheiten hinzu, die selbst auf nationale Unabhängigkeit pochten.

Ein weiteres Konfliktfeld entstand im Norden Polens. 1920 besetzten polnische Truppen das litauische Wilna, nachdem sich die Rote Armee zurückgezogen hatte. Im Oktober des gleichen Jahres rief der polnische General Lucjan Żeligowski, ein Freund Piłsudskis, die Republik Mittel-Litauen aus. Während in Wilna und den Städten die polnische Bevölkerung die Mehrheit stellte, überwogen auf dem Land die Litauer. Zwei Jahre später vereinigte sich das Wilna-Gebiet mit Polen. Litauen protestierte und gab seine Ansprüche auf die historische Hauptstadt nie auf. Die Folgen: Bis 1938 herrschte zwischen Polen und Litauen diplomatische Funkstille.

Fazit

1918 endete für Polen die über hundertjährige Teilungsgeschichte, die durch Unterdrückung aber auch erfolgreiche Bewahrung der polnischen Identität geprägt war. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte Polen als unabhängiger und freier Staat auf die Landkarte Europas zurück. Die Vergrößerung des polnischen Staatsgebietes hatte jedoch einen hohen Preis. Polen war mit fast allem seinen Nachbarn zerstritten (außer Rumänien und Lettland). Im Innern trug die nichtpolnische Bevölkerung – fast ein Drittel der 27 Millionen Einwohner – nicht zur Stabilität des Landes bei. Die Lage im Innern wurde zusätzlich durch wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Probleme belastet.

Erfahren Sie mehr über Polens Innenpolitik, Wirtschaft und Gesellschaft der Zwischenkriegszeit…

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