Jan 02 2010
Polen 1918-1939 – Teil 2: Zwischen Demokratie und Diktatur

12. Mai 1926. Putsch in Warschau. Józef Piłsudski kurz vor dem Treffen mit dem Präsidenten Wojciechowsky auf der Poniatowski-Brücke – Bild: Wikipedia
In fast allen Länder Europas erlebte die Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg Hochkonjunktur. So auch in Polen, das nach 123 Jahren der Fremdherrschaft wieder seine Unabhängigkeit erlangte. Schwache Wirtschaftsstruktur, soziale Spannungen und fehlende Erfahrung mit dem Parlamentarismus schwächten jedoch das demokratische System. Als 1926 die Probleme zu eskalieren schienen, putschte das Militär. Die Militärdiktatur gab sich als Losung „Sanacja“ – die Gesundung des politischen Systems. Eine Zeitreise in die Zweite Polnische Republik…
Von der Demokratie …
Im Februar 1919 verabschiedete die Polnische Nationalversammlung eine vorläufige “kleine Verfassung”. In ihr wurde Józef Piłsudski, der im Herbst 1918 die Regierungsgeschäfte in Warschau übernahm, als Staatschef bestätigt. Zwei Jahre später – am 17. März 1921 – trat die vollständig ausgearbeitete Verfassung in Kraft. Vorbilder waren die Verfassung der Dritten Französischen Republik und die polnische Verfassung vom 3. Mai 1791. Der Sejm war zuständig für Gesetzgebung und Haushalt. Die 444 Abgeordneten wurden auf der Grundlage geheimer und direkter Wahl bestimmt. Der Senat diente als Kontrollinstanz. Der Staatspräsident bekleidete nur repräsentative Aufgaben.
Die Verfassung war auf der Höhe der Zeit. Doch die junge Demokratie der Zweiten Polnischen Republik hatte keinen leichten Stand. Große Herausforderungen waren die gesellschaftliche Struktur und die Wirtschaft.
Polen ist ein Nationalstaat, so lautete der offizielle Standpunkt Warschaus. Das trat kaum zu. Von den 27 Millionen Staatsbürger 1921 (1931: 31 Millionen) waren nur 19 Millionen polnischer Muttersprache. Die größte Minderheit waren die Ukrainer mit 3,8 Millionen – der Historiker Manfred Alexander schätzt sogar 5-7 Millionen Ukrainer. Mit 2,1 Millionen Juden wird gerechnet. Sie galten unter den Minderheiten als die loyalsten Staatsbürger. Über eine Million Weißrussen und Deutsche gab es in Polen. Weitere Minderheiten waren die Litauer, Russen, Tschechen und die Tataren. Das Zusammenleben war nicht einfach: Für manche Polen galten die Minderheiten und die Juden als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt.
Neben dem multiethnischen Charakter der polnischen Gesellschaft kamen sozialen Spannungen hinzu. Dreiviertel der Bevölkerung lebte auf dem Land. Das Los der Bauern war tragisch. Sie bewirtschafteten kleine Höfe und lebten am Existenzminimum. Das Bevölkerungswachstum war das höchste Europas. Die Arbeiterklasse und das Bürgertum waren nur schwach entwickelt. Vorwiegend Deutsche und Juden repräsentierten die bürgerliche Mittelschicht. Die Arbeiterklasse zählte über 5 Millionen Menschen. Der Historiker Manfred Alexander:
Die Sozialstruktur des Staates gab Anlass zur Sorge und erklärt zum guten Teil die politische Instabilität. (M. Alexander, Kleine Geschichte Polens, S. 291)
Die Schwächen der Wirtschaft resultierten aus zahlreichen Faktoren: Im Ersten Weltkrieg litt Polen an der Ausbeutung durch die Besatzungsmächte. Nach dem Ersten Weltkrieg brachen traditionelle Märkte wie Deutschland und Russland (Produkte aus Russisch-Polen konnten früher zollfrei in das Russische Reich importiert werden) weg.
Mit Ost-Oberschlesien verfügte Polen über eines der größten Kohlenvorkommen der Welt und eine moderne Industrie. In Galizien wurde Öl gefördert. Łódź, das polnische Manchester, bildete den Schwerpunkt der Textilindustrie. Warschau fehlte es jedoch am Kapital, um die Industrie und die Infrastruktur weiter auszubauen. Wie in Deutschland herrschte auch in Polen 1923 die Hyperinflation. Erst die Gründung der Nationalbank und die Einführung des Złotys schufen hier Abhilfe.
Die Landwirtschaft war wenig produktiv. Die Bauern verfügten nur über kleine Ackerflächen, die der eigenen Versorgung dienten. Gleichzeitig existierten riesige Familiengüter. So besaß das alte Adelsgeschlecht Radziwiłł über 177 000 ha Ackerfläche. Die Erträge in der Landwirtschaft blieben gering. Modernisierung wurde nicht in Betracht gezogen. Die von den Regierungen initiierten Bodenreformen verliefen schleppend.
Auch die Politik steckte in einer Krise. Korruptionsaffären, Parteienegoismus und persönliche Feindschaften bestimmten das politische Geschehen. Die Parteienlandschaft war zersplittert. 1925 existierten 92 Parteien, von denen 32 im Sejm vertreten waren. Die Ursache: In den drei Teilungsgebieten entstanden Parteien jeder politischer Richtung. Sie hatten nach 1918 keine Ambitionen, sich mit ihren Schwesterparteien zu vereinen. Auch die Minderheiten hatten eine bunte Parteienlandschaft.
1922 fiel der frisch gewählte Staatspräsident Gabriel Narutowicz einem Attentat zum Opfer. Dem Präsidenten wurde es zum Verhängnis, dass die nationalen Minderheiten seine Wahl durchsetzten. Piłsudski, der als Favorit galt, war zur Präsidentenwahl gar nicht angetreten. Die geringen Machtbefugnisse machten ihm dieses Amt wenig schmackhaft. 1923 zog sich Piłsudski aus dem politischen Geschäft zurück. Doch er behielt einen gute Draht zur Armee und wurde zum Kopf einer außenparlamentarischen linken Opposition.
Piłsudskis Hauptgegner, der Nationaldemokrat Roman Dmowski, verabschiedete sich auch aus der Politik. Erfolgslosigkeit auf dem politischen Parkett zermürbte Dmowski. Dennoch diente er jahrelang den rechten Parteien und Gruppierungen als Vorkämpfer des nationalistischen Lagers. Seit 1926 war er einer der wichtigsten Gegner des Sanacja-Regimes.

Witald Witos - Vorsitzender der Polnischen Volkspartei (Mitte) - Bild: Wikipedia
Witald Witos gehörte neben Dmowski und Piłsudski zu den bedeutendsten Politikern der Zweiten Polnischen Republik. Der Führer der Polnischen Volkspartei, die die Interessen der Bauernschaft vertrat, stand an der Spitze dreier Kabinette.
Die Regierungsbildung und das Regieren war ein Kraftakt. Bis zum Mai-Putsch 1926 sah Polen 16 Regierungen. Aufgrund der Parteienvielfalt im Sejm war es sehr schwierig Mehrheiten zu finden. Es mussten Kompromisse beschlossen werden, die oft den eigenen Parteienprogrammen widersprachen. Kam ein Kabinett zustande, war es nur eine Frage der Zeit, bis es wieder auseinander brach. An eine konsequente und langfristige Politik war so nicht zu denken.
Nicht nur Niederlagen kennzeichneten die parlamentarische Zeit der Zweiten Polnischen Republik. Ohne einer soliden wirtschaftlichen Grundlage gelang es unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg einen modernen Staat aufzubauen. Das Rechts- und Steuersystem wurde vereinheitlicht, das Bildungswesen ausgebaut (1938 besuchten 90% der Kinder die Schule). Die polnische Armee gehörte zu größten und – wie es sich 1939 zeigen sollte – zu den tapfersten Europas. Die Verwaltungsreform von 1921 untergliederte Polen in 17 Wojewodschaften. 1920 fand eine Währungsunion statt. Bis dahin kursierten sechs unterschiedliche Währungen. Zu den weiteren Erfolgen zählten: Schaffung politischer und staatlicher Institutionen sowie die Vereinheitlichung der Bahn und des Kommunikationswesens.
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